Die ersten Sekunden entscheiden über Sympathie deines Gegenübers. Meine Tochter hat mir dazu erklärt: „Ein Drittel mag dich, ein Drittel nicht und dem Rest bist du egal.“ Was eine Sympathie auslöst, mir wiederum egal. Fakt ist, ich bin in einem Alter, in dem ich mich nur noch mit dem Drittel Menschen abgebe, die MIR sympathisch sind. Doch auch da sind oftmals Schaumschläger darunter, die sich dann so entwickeln, dass sie zu den anderen 2/3 rutschen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie knüpft man als Auswanderer überhaupt Kontakte? Vielleicht sollten hier auch mal junge Menschen mitlesen, denn denen scheint es ja auch immer schwerer zu fallen, ohne Internet Freunde zu finden.
Ein bisschen helfen die Sozialmedien da natürlich auch. Andreas ist in unserem Team der Networker, ich bin dann die, die im wirklichen Leben die Menschen dann auf Herz und Nieren prüft und gegebenenfalls auch verabschiedet. Eigentlich weiß Andreas ja, wie ich ticke. Ich erinnere mich noch, wie er sich mit FB Bekannten für ein Abendessen nach El Gouna mit uns verabredet hat. Der Satz „Du wirst sie nicht mögen!“, war natürlich auch nicht die beste Voraussetzung, um neue Gesichter kennenzulernen.
Also, die haben uns abgeholt. Der Typ erzählt, wo er schon überall war, dass er Kairo wie seine Westentasche kenne und er immer mit einem Stoffteddy die Geschichten in Facebook erzählt. Als er dann an der zweiten Einfahrt El Gouna vorbeigefahren ist, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen, ob er lieber in Kairo mit uns essen gehen wolle, da er sich dort ja auskennt, die Einfahrt El gouna jedoch verpennt. Ich muss nicht weiter erzählen, ihr wisst, in welchem der drei Drittel dieser Mensch gelandet ist.
Wir hatten zu Beginn unseres Auswanderns eine richtig sympathische Österreicherin kennengelernt, die uns wirklich an die Hand genommen hat und uns alles gezeigt hat. Egal, ob wir einen Reifenhändler brauchten, oder Vorhänge. Das war klasse. Wir haben aber auch vom 2. Urlaub an einen Mietwagen genommen, und haben alles selbst erkundet und selbst gemacht.
Wir haben tagsüber das Meer und den Strand genossen und abends keine Party ausgelassen. Sympathische Menschen haben wir angesprochen und manche auch direkt wieder aussortiert. Und sogar von Kellnern wurden die deutschen zusammen gebracht. Ich erinnere mich, wie ich in Sahl Hasheesh war. Da kommt der Kellner und meint, die junge Frau da hinten wäre auch eine Deutsche. Aus dieser Bekanntschaft wurde auch eine Freundschaft.
Abends war man bei Karaoke, Grillabenden (die es leider nicht mehr gibt) in der Caribbeanbar , Bingo oder Quizabenden oder einfach nur mit Bekannten beim Billard oder Taulaspielen und Shisha rauchen. Diese Gruppentreffen, die heute veranstaltet werden, gab es damals nicht und meiden wir ganz bewusst. Zu Beginn fanden wir das eine tolle Idee,mit 10 bis 15 Personen. Doch wenn sich heute 70 Menschen treffen, dann haben wir tatsächlich das Gefühl, dass dort überwiegend die anderen beiden Drittel sind, und das brauchen wir nicht. Da geht man lieber ganz gezielt mal mit Freunden weg und lernt deren Freunde kennen.
Und unser Gruppentreffen, den Weißwurststammtisch, den werden wir auch nur noch für unser Drittel machen, da ich mich beim letzten Mal auf meiner eigenen Veranstaltung unwohl fühlte.
Alle diejenigen, die wir ganz zu Beginn kennengelernt hatten, waren tolle Menschen. Leider sind viele davon wieder nach Deutschland gegangen, gerade Corona hat nach der Revolution oft den Rest gegeben.
Weil uns jemand an die Hand genommen hatte, wollten wir Auswanderern auch helfen. Doch das funktioniert wirklich nur sehr bedingt.
Die einen holen sich alle Infos und Kontakte, um dann einen Keil reintreiben zu wollen. Die anderen wollen Tipps, glauben dann aber ihren ägyptischen Freunden mehr – und fallen auf die Nase.
Für die einen bist du nur der Notnagel und die anderen verwechseln dich mit Wikipedia. Ganz schlimm sind jedoch diejenigen, die sagen: „Mir ist es lieber, man sagt mir die Wahrheit ins Gesicht, als hintenherum!“, und dann nach der ersten Wahrheit beleidigt von Dannen zu ziehen.
Von den Trittbrettfahrern und Friendsucker haben wir genug, von toxischen Beziehungen auch und die Neider haben wir totgeschwiegen.
Heute haben wir ein gut funktionierendes Netzwerk mit Ägyptern, wo beide Parteien wissen, dass man einfach eine geschäftliche Basis hat. Wir bezahlen gut, dafür bekommen wir zuverlässige Ergebnisse und Hilfe.
Ich persönlich bin auch gaaaaanz vorsichtig, einen Ägypter als einen Freund zu sehen. Das kann nur funktionieren, wenn dieser finanziell unabhängig ist.
Und genauso verhält es sich mit den europäischen Freunden. Oft sind es einfach super gute Bekannte, mit denen man Spaß haben kann, gute Gespräche führt oder auch mal einen Spieleabend macht. Doch tatsächlich sind unsere Oldfriends diejenigen, wo wir wissen, dass wir Tag und Nacht anrufen können und Hilfe oder Asyl bekämen. Und das schätzen wir sehr. Das sind alles Menschen, die, wie wir, schon mindestens 10 Jahre da sind. Vielleicht liegt es einfach daran, dass man mit ähnlichen Voraussetzungen ausgewandert ist.
Wenn heute „Neulinge“ kommen, sind wir sehr vorsichtig geworden. Hilfe wirklich nur, wenn wir direkt angesprochen werden. Persönlichen Kontakt nur, wenn sie Andreas und mir sympathisch sind, wobei ich da eher die Spaßbremse bin, da Andreas ja ein toleranter Gutmensch ist. Aber dadurch ergänzen wir uns hervorragend. Ja, und das ist natürlich auch ein Vorteil: Wir sind ein Paar. Und nicht nur im privaten Leben ist das toll, sondern auch bei Ägyptern habe ich dadurch schnell die Akzeptanz von Mann UND Frau, da jeder weiß, ich suche keinen Habibi.
Wenn ihr also auswandert oder schon hier seid, dann sucht euch EINEN Mentor, der euch in die Gepflogenheiten einweist. Nehmt euch ein Auto, erkundet Land und Leute, geht in verschiedene Lokale und sprecht sympathische Menschen an. Baut euch so euer Netzwerk von Freunden und Partnern auf und seid besonders vorsichtig bei Menschen, denen ihr mehr nutzt als sie euch. Es ist wie in der Partnerschaft: gleiche Augenhöhe, gemeinsame Interessen, dann funktioniert das!