Wenn du beim Telefonieren nur noch Kopfhörer benutzt, den Fernseher bei über 70 stehen hast und dein Ansprechpartner in Sichtweite sein muss, damit du ihn verstehst, dann ist es so weit.
Dass ich schwer Höre, zumindest einige Frequenzen, das weiß ich schon lange. Beim Hörtest vor über 20 Jahren hatte der Arzt erst die Vermutung, das Gerät wäre kaputt, nein, meine Ohren waren es. Trotzdem hörte ich nicht schlecht genug, um von der Krankenkasse ein Hörgerät bezahlt zu bekommen. Deshalb bin ich erst einmal zum Akustiker in Deutschland, um den aktuellen Stand festzustellen. Nach den vielen Tönen habe ich dann noch Worte nachsprechen sollen. Da war mein Resultat gerade mal 50 % bei normaler Lautstärke.
Begeistert war ich, als die freundliche und sehr kompetente Dame beim deutschen Akustiker, mir ein super neues Model von Signia vorstellt und sogar für 4 Wochen mit nach Ägypten gibt. Leider war es zu empfindlich, sodass ich nach knappen 2 Wochen die Geräte nicht mehr nutzen konnte, da sie einfach durch den Schweiß und die Hitze verstopften.
Da wurde mir natürlich auch bewusst, dass wenn ich ein Problem in Ägypten habe, ich dort auch einen Ansprechpartner bräuchte. Und wie ist das mit Touristen? Wo gehen die hin, wenn ein Hörgerät ein Problem hat? Die letzte Anfrage in den Social Medien war bedauerlicherweise erfolglos. Das kommt daher, weil meist Menschen antworten, die keine Ahnung haben. Mir wurden Adressen von Hörakustikern in Hurghada genannt, die man bei Google Maps findet. Ungünstigerweise nur in der Karte!
Also schaute ich im Internet nach Akustikern, die dieses Gerät von
Signa in Ägypten vertreiben und siehe da, es gibt die internationale Handelskette
Amplifon, die auch mehrere Niederlassungen hat. Zu Hurghada ist die nächste Niederlassung Qena, Luxor oder Kairo.
Ich schrieb an die angegebene E-Mail-Adresse und fragte, ob es meine Wunschhörgeräte auch geben würde. Man teilte mir mit, in Luxor und gab mir die Telefonnummer. Ich bekam eine Telefonnummer und rief an.
Herr Makary spricht sehr gutes Englisch und er erklärt mir, dass er öfters in Hurghada sei, da dort eben auch Kunden wären. Jetzt hab ich ja wirklich schon Probleme, mir das englische Wort für Hörgeräte „hearing aid“ zu merken. Nach viel Beschreibung versteht er, was ich möchte. Er hätte meine Hörgeräte, aber nicht mit Akuladegerät, sondern mit Batterie. Er könne alles mitbringen. Ich bräuchte jedoch vorher einen Hörtest vom Arzt, dann könne er mir ein Hörgerät machen. Ja, wo macht man jetzt den Hörtest? Im Salamhospital oder bei ihm in Luxor, klärt er mich auf.
Na, dann ab ins Salam in Hurghada. Erst mal muss ich mich verständlich machen, dass ich keine Ohrprobleme habe, sondern einen Hörtest brauche. Jetzt fällt das richtige Wort: Audiogramm! Der Arzt spricht genau so viel Englisch, was er für den Test braucht. Sein Alter ist schwer zu schätzen, aber so zwischen 60 und 70 Jahren. Es wird einmal der Pieps-Ton-Test mit Ohrhörern gemacht, dann ein weiteres Mal am Hörnerv, hinter dem Ohr. Eingetragen wird alles schön mit Hand und Kreuzchen auf einem Formular. Daraus macht er dann das Diagramm indem er die Kreuze mit Linien verbindet. Ich beobachte, wie ich immer zwischen 10 und 20 liege. Ist das jetzt das Hörvermögen oder der Hörverlust? Nur der Hörverlust, eigentlich brauche ich gar nix, meint er. Doch, denke ich, denn es war schon toll, mit dem Hörgerät zur Probe.
Jetzt meldet sich der Akustiker und wir machen einen Termin im
Sheryhotel
auf der Sherystraße aus. Ich hatte dort noch nie ein Hotel gesehen. Aber tatsächlich, ziemlich in der Mitte steht das Hotel. Ich gehe rein. Düster ist die Rezeption, wo ein Ägypter steht. Ich rufe
Markary (+201283354466)
an. Er hat sich dort wohl für einige Tage eingemietet, denn er kommt sofort und legt einen Hotelschlüssel auf den Tisch. Das Gespräch findet ganz diskret in der Lobby statt. Dazu macht er das Licht an, er kennt sich hier aus.
Er zeigt mir die gewünschten Signia Hörgeräte, die hier etwa 1600 € kosten. Er nennt diese fertigen Geräte „Clicks“. „Warum willst du nicht von uns welche anfertigen lassen?“, fragt er mich. Er zeigt mir hautfarbene Hörgeräte, die für den Ohrgang eines anderen Patienten angepasst wurden. „Die sind ganz schön groß!“, meine ich. Na, es wären halt große Ohren. Hm, wenn ich dran denke, dass wir in unserer Familie auch ziemlich große Ohren habe, sodass mein Vater meiner Mutter immer verboten hatte, den Kopf aus einem fahrenden Zug zu halten, weil dieser sonst bremsen würde, bekomme ich etwas Angst.
Da jedoch diese individuell angepassten Geräte nur 600 € kosten, denke ich, ist das für den Anfang besser. Denn hier muss man die Dinger natürlich gleich kaufen, kann sie nicht erst 4 Wochen testen. Also lasse ich mich auf diesen Deal ein. Er hat die Silikonmasse dabei, die er mir dafür ins Ohr spritzt. Zum Schutz des Trommelfells kommt vorher ein Schaumstofftampon mit Bendel rein. Es ist etwas unangenehm, weil der wirklich tief reingestopft wird. Dann kommt die Masse drauf und ich erinnere mich an meinen ersten Gipsabdruck für meine Spange. Da habe ich so gewürgt. Hier muss man nicht würgen, aber als auch das zweite Ohr fertig ist, läuft mir die Nase. Das sei normal. All das haben wir natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Lobby gemacht. Gott sei Dank war wenig Publikumsverkehr!
Nach 5 Tagen bekomme ich Bescheid, meine Geräte seien fertig. Das passt, da ich mit meiner Tochter einen Ausflug nach Luxor plane und diese dann abhole.
Wer in Luxor schon mal im Restaurant
Sofra war, der kennt den Weg in die Innenstadt, wo sich auch das Geschäft von
Amplifon
befindet. Leider sagt mir meine Ute vom Navi immer zu früh, wo ich abbiegen soll, sodass ich durch eine Nebenstraße geeiert bin und beschlossen habe, auf der Hauptstraße zu parken und in die Seitenstraße zu laufen. Also parken wir und gehen in ein Brillengeschäft. „Hier sind wir aber nicht richtig!“, meint meine Tochter. „Ja, aber ich sehe nirgends den Laden, also frag ich hier.“ Und wir hatten Glück. Die Frau lief mit uns bis zum Geschäft, welches in dieser Umgebung von außen richtig modern ausgesehen hat.
Raaatttsch, hören wir und drehen uns um. Ein Motorrad mit Anhänger hat die Kurve zu eng genommen und dem dort parkenden Auto die ganze vordere Schürze abgefahren. Er steigt ab, begutachtet und fährt weiter. Wir schauen uns an. Eine Frau mit einem Rollstuhlfahrer, die ihren Mittagsplausch auf der Straßenseite abhalten, haben auch nur kurz hochgesehen und sind jetzt wieder am Reden. „Ich glaube, ich parke mein Auto besser um!“ Meine Tochter nickt. Wir gehen kurz ins Geschäft, werden freudestrahlend von Makardy begrüßt und gebeten, noch Platz zu nehmen, da er noch einen Patienten vor mir hat.
Ich setzte meine Tochter hin, parke das Auto um und versuche einen Supermarkt zu finden, um Wasser zu kaufen. Schuhe, Kleider, Souvenirs, alles kann man kaufen, nur kein Wasser. Nach einigen Minuten finde ich wenigstens einen Kiosk und nehme einige Flaschen mit, da es wirklich immer noch heiß ist.
Zurück komme ich auch gleich dran. Tatsächlich brauche ich nur die Einweisung, wie man die Batterien wechselt, denn die halten leider nur einige Tage. Das ist eine Arbeit für gute Feinmotoriker, also nix für mich. Aber wird schon klappen. Die Einstellung der Hörgeräte hat sofort das gleiche Problem wie mit den deutschen Geräten. Mein rechtes Ohr hört nichts. Genau wie bei den deutschen Geräten, kann man vorne ein kleines Röhrchen wechseln, welches sich einfach sofort mit dem Innenleben vom Ohr gefüllt hatte. Dieses wechseln kenne ich auch. Dann funktionieren die Geräte und das Hören ist besser, als mit denen von Signa. Diese haben die Geräusche alle in der gleichen Lautstärke vermittelt, sodass ich nicht wusste, woher die Geräusche kamen. Mit den ägyptischen höre ich lediglich mich selbst anders, alle anderen Geräusche super natürlich.
Jetzt kommt das Beste: Tatsächlich gibt es auch für die ägyptischen Hörgeräte eine
App,
mit dem ich selbst die Lautstärke, Höhen, Tiefen und Filter einstellen kann. Und: ich kann damit wie mit Kopfhörern telefonieren bzw. bekomme jeden Sound vom Smartphone direkt über die Hörgeräte übertragen.
Ich bin happy. Keine Druckschmerzen oder sonstige Probleme. Doch letztens, als ich mit der Tochter in der Senzomall Kaffee getrunken hatte, spricht auf einmal Andreas in meinem Ohr. „Hallo?“, ich muss erst mal realisieren, dass mein Telefon ja bei Bluetoothverbindung ohne Klingelton direkt annimmt. „Hallo?“, ertönt es schon wieder. Ich antworte schon mal „Ja, ich höre dich!“, aber suche nebenbei das Telefon in der Tasche der Einkäufe. Meine Tochter schaut mich verwirrt an, weil ich jetzt auch immer auf das Hallo von Andreas antworte, während ich in der Tasche gruschtle. Endlich hab ich es und Andreas versteht auch meine Antwort. „Wo hast du denn jetzt das Telefon gehabt? Hast du das entbunden?“
Also, darauf muss ich jetzt echt immer achten!
Ohrabdruck
Signia silk
individuelles Hörgerät
Makary Milad mit Astrid
Niederlassung Luxor